Nach welchem Prinzip richtete sich der Autor bei der Auswahl von Briefmarken für seine Sammlung?
Aufgabe 4 (0–7)
Lesen Sie zwei Texte zum Thema Sammeln und kreuzen Sie die jeweils richtige
Ergänzung der Sätze (A, B, C oder D) an. Nur jeweils eine Ergänzung ist richtig.
Text 1
MEINE BRIEFMARKENSAMMLUNG
Jahrelang lagerte sie im Keller meiner Eltern. Als sie aus Berlin an die Peripherie zogen,
wurde ich gefragt, ob ich die Briefmarken noch brauchte oder ob sie weggeworfen werden
sollten. Nein, sagte ich, weggeworfen werden sollten sie auf keinen Fall. So kam ich wieder in
den Besitz der sieben großen Sammelalben, die ich als kleiner Junge angelegt hatte, bis mich
die Pubertät und die weibliche Menschheit von der Philatelie entfremdeten.
Ich war ein ebenso eifriger wie unsystematischer Sammler. Mich interessierte nur ein Aspekt:
Die Marken mussten exotisch sein. Ich fand uralte Stücke, aus Ländern, von denen ich noch
nie gehört hatte, von denen einige längst nicht mehr existieren, ich suchte auf dem Globus
vergeblich nach Siam, Réunion, Bosnien-Herzegowina oder Deutsch-Südwest-Afrika. Da ich
schon damals ein Mensch war, der sein Geld in Investitionen steckte, die keinen Profit
abwarfen, trug ich mein Taschengeld regelmäßig in die Briefmarkenhandlung am Bahnhof
Lichtenberg oder in die Reinhardstraße. Nach und nach bildete meine Kollektion
ein seltsames Panoptikum: Schmetterlinge aus Burundi, polnische Saurier, albanische
Fußballer, Satelliten aus Ecuador, rumänische Schießsportler, US-amerikanische Präsidenten
und sowjetische Heldenstädte. Die ganze Welt versammelte sich, und nichts Geringeres hatte
ich vor: So lernte ich die Welt kennen.
Später, als mein Sohn elf Jahre alt war, überraschte und verärgerte er mich, als er, nach
der ungarischen Hauptstadt gefragt, antwortete: Amsterdam. Ich reagierte entnervt, konnte
die Unkenntnis nicht billigen, da er sowohl in Amsterdam als auch in Budapest gewesen war.
Für ihn war die Welt etwas anderes als für mich. Er hatte sie zur Verfügung, ich musste sie
mir erobern. Kein Wunder, dass er meine Briefmarkensammlung ablehnte, er bestaunte
die Menge, wollte sie aber nicht übernehmen.
Im letzten Jahr, als ich wieder einmal die Wohnung wechselte, fielen mir die Sammelalben
erneut in die Hände. Ich warf einen letzten Blick hinein und sah einen Film: Da waren
die Aufbaumarken aus den 50er-Jahren, die Bilder der Kosmonauten, der konkurrenzlosen
Helden meiner Kindheit, die Olympiade in München mit dem Attentat auf Israels Sportler.
Dabei waren auch Briefmarken mit den drei schwarzen US-Läufern, die bei der Siegerehrung
die Faust ballten, noch andere zeigten Angela Davis, den Vietnamkrieg, Honecker und
Breschnew beim Bruderkuss und Pelé, den besten Fußballer aller Zeiten. Ich klappte
die Alben zu und trug sie zu einem Bekannten, der nach der Wende vom Kulturfunktionär
zum Briefmarkenhändler geworden war. Er prüfte die Kollektion, fand aber keine Mauritius
oder andere Raritäten. Nur ein paar kleine Perlen, Postkarten aus Lateinamerika um
die Jahrhundertwende, einen Satz aus dem zaristischen Russland und acht chinesische
Sportler-Marken sortierte er aus. Den Rest, meinte er mit tröstendem Lächeln, könne ich
wegwerfen.
Strona 4 z 17 MND-1A
Also begann ich, meine Lieblingsmarken auszusortieren, ich behielt die Raumfahrer,
die Inflationsmarken, den Satz mit den Spanienkämpfern, alle Fußballmotive, den gelben
Sachsen-Dreier ohne Zähne sowie den Ersttagsbrief mit den vier Hitler-Marken, abgestempelt
am 20.04.1942, zu Führers Geburtstag. Dann warf ich die Sammelbände in den blauen
Papiercontainer im Hof, drehte aber noch einmal um, holte sie wieder aus dem Altpapier und
legte sie auf den Altglascontainer. Vielleicht kam ja noch jemand vorbei und erbarmte sich
des Schatzes meiner Kindheit, einige Tausend quadratische, rechteckige und manchmal
dreieckige Marken mit Zacken und Stempeln, die mir einmal die Welt bedeutet hatten.
nach: Steffen Mensching: Ohne Theo nach Lodz und andere Reisegeschichten
4.1 Nach welchem Prinzip richtete sich der Autor bei der Auswahl von Briefmarken
für seine Sammlung?
A. Die Marken sollten aus fernen Ländern kommen.
B. Der Autor machte sich beim Kaufen keine Gedanken.
C. Die Marken sollten den Autor in Zukunft reich machen.
D. Der Autor kaufte die Marken nur aus den Ländern, die er kannte.
4.2 Welche Bedeutung hatte das Sammeln von Briefmarken für den Autor in seiner
Kindheit?
A. Er konnte dadurch Freunde gewinnen.
B. Er konnte damit Mädchen imponieren.
C. Er konnte dadurch die Welt entdecken.
D. Er besserte dadurch sein Taschengeld auf.
4.3 Wie hat der Briefmarkenhändler die Sammlung des Autors bewertet?
A. Für ihn war die ganze Sammlung kindisch.
B. Er hat die Sammlung für etwas Wertvolles gehalten.
C. Er hat nichts Interessantes unter den Briefmarken gefunden.
D. Ihm haben nur einige Stücke aus der ganzen Sammlung gefallen.
4.4 Wie ist der letzte Abschnitt des Textes zu interpretieren?
A. Hobbys aus der Kindheit pflegt man das ganze Leben lang.
B. Briefmarken gehören in den quadratischen Altglascontainer.
C. Sachen aus unserer Vergangenheit erinnern uns an das Elternhaus.
D. Nach einigen Jahren kann man sich von Sachen aus der Kindheit trennen.
ÜBERTRAGEN SIE IHRE LÖSUNGEN IN DEN ANTWORTBOGEN!
MND-1A Strona 5 z 17
Text 2
VON SAMMLERN UND SAMMLEROBJEKTEN
Von allen Motiven, die Menschen im Innersten bewegen und handeln lassen, gibt es kaum
eins, das nicht seine Ursache im Sammeln hat. Durch das Anhäufen und Ausstellen von
Dingen unterschiedlichster Art gewinnen Menschen Orientierung, leben ihre Leidenschaft,
aber auch ihre Eitelkeit und ihren Machttrieb aus.
Es gibt vermutlich kein Objekt, das nicht von irgendwelchen Menschen auf dieser Welt
gesammelt wird: Briefmarken, Träume, Autos, Zitate, Lebensweisheiten, Kalender, kluge und
dumme Sprüche, Zeitungsausschnitte, Erinnerungsbilder, Fotos von Urlaubsreisen. Oder es
werden Objekte wie Möbelstücke, wertvolle Bilder, Silberbesteck, Taschen, Fußbälle,
Insekten und Kleidungsstücke angehäuft.
Die Menschheit hätte nicht überlebt, ohne zu sammeln. Durch das Sammeln persönlicher
Erfahrungen erhalten Menschen erst eine Orientierung darüber, was richtig oder falsch,
gefährlich oder ungefährlich, positiv oder negativ ist. Bei jeder Entscheidung geht es darum,
zwischen dem Pro und dem Kontra des gesammelten Erfahrungsschatzes abzuwägen. Man
muss sich an positive und negative Episoden erinnern, die man selbst erlebt oder bei anderen
beobachtet hat.
Natürlich gibt es auch krankhafte Züge des Sammelns: Menschen, die alles obsessiv
sammeln, Kassenbons, Plastiktüten, quasi alles, was ihnen in die Hände kommt, und
die nichts wegwerfen können, nennt man „Messies“ – vom englischen Wort „mess“,
Unordnung.
Die Wohnung eines Messies ist nach einiger Zeit voller Müll und Schmutz. Nicht wenige
Sammler haben sich finanziell ruiniert. Gerade bei kostspieligen Sammelobjekten kann dies
schnell passieren. Krankhaft wird das Sammeln, wenn es zum Zwang und zur Sucht wird.
Das Sammeln nimmt dann mehr Raum im Leben des Sammlers ein, als ihm guttut. Da dreht
sich dann das ganze Leben nur um die begehrten Sammlerstücke und die Jagd nach neuen
Trophäen. Oft wird das Sammeln auch zur Flucht, zur Flucht vor der Realität und vor
Situationen, die einen im alltäglichen Leben überfordern. Manche Sammler werden auch
kontaktscheu, ziehen sich vollkommen zurück und vergraben sich in ihre
Sammelleidenschaft. Oft wird mit dem Sammeln auch etwas kompensiert:
Mangelerfahrungen oder Ausgrenzungen sollen so wieder ausgeglichen werden. Für manchen
Sammler wird die Sammelleidenschaft zur Ersatzbefriedigung.
nach: www.academics.de, www.paradisi.de
Strona 6 z 17 MND-1A
4.5 Dem Text zufolge ist die Menschheit nicht zugrunde gegangen, weil die Menschen
immer
A. nur wertvolle Objekte sammeln.
B. gemäß den gesammelten Redensarten handelten.
C. aus den gesammelten Erfahrungen lernen konnten.
D. von Natur aus riskante Situationen zu vermeiden wussten.
4.6 Das Sammeln kann man als Krankheit bezeichnen, wenn der Sammler
A. bevorzugt teure Sammelobjekte kauft.
B. verschiedene Plastiktüten zusammenträgt.
C. in seiner Wohnung mehrere Kassenbons archiviert.
D. sein Leben den Sammelobjekten komplett unterordnet.
4.7 Der Autor hat den Text geschrieben, um
A. Tipps gegen krankhaftes Sammeln zu geben.
B. vor dem Aufbauen von Sammlungen zu warnen.
C. unterschiedliche Messie-Typen zu charakterisieren.
D. die Sammelleidenschaft des Menschen darzustellen.
ÜBERTRAGEN SIE IHRE LÖSUNGEN IN DEN ANTWORTBOGEN!
MND-1A Strona 7 z 17