Im ersten Abschnitt beschreibt der Erzähler,
Aufgabe 4 (0–7)
Lesen Sie zwei Texte zum Thema Freundschaft und kreuzen Sie die jeweils richtige
Antwort (A, B, C oder D) an. Nur jeweils eine Antwort ist richtig.
Text 1
FREUNDSCHAFT IN BERLIN
Die Freundschaft mit Sven und seiner Frau Paula war meine einzige Ost-West-Freundschaft,
die den Fall der Mauer überdauerte. Die anderen endeten bald nach dem Mauerfall. Man
verabredete sich immer seltener, und eines Tages wurde die getroffene Verabredung in letzter
Minute abgesagt. Man hatte zu viel zu tun: Arbeit suchen, Wohnungen und Häuser sanieren,
Steuervorteile nutzen, Geschäfte machen, reich werden, reisen.
Sven und ich lernten uns beim Schachspielen kennen. Ich war im Sommer 1986 nach
Westberlin gezogen, kannte niemanden und entdeckte an den Wochenenden die Stadt,
im Osten wie im Westen. An einem Samstagabend stieß ich am Müggelsee auf eine Gruppe
von Schachspielern, sah einem Spiel zu und wurde vom Sieger zu einer Partie aufgefordert.
Als es dunkel wurde, verabredeten wir uns für den nächsten Samstag zur Fortsetzung.
Mit dem ersten neuen Bekannten beginnt eine Stadt, Heimat zu werden. Auf der Rückfahrt
nach Westberlin war die Öde Ostberlins weniger entmutigend. Die fernsehblauen Fenster,
die alten Fabriken, die breiten Straßen mit den wenigen Autos – ich sah es und stellte mir vor,
Sven wohne hier oder da, arbeite in dieser Fabrik, fahre auf dieser Straße.
Am nächsten Samstag regnete es. Von Weitem sah ich Sven. Er war mit dem Auto da und
fuhr mit mir zu sich nach Hause. Aber auch an diesem zweiten Samstag wurden wir mit
der Partie nicht fertig. Sven überlegte lange. Und ich ließ meine Augen durch das Wohnzimmer
wandern.
Da Sven immer lange überlegte, einigten wir uns später auf Blitzpartien zu sieben Minuten.
Dann wurde uns Schach überhaupt langweilig, und wir zogen lieber mit Paula und ihrer kleinen
Tochter Julia los oder spielten die neuen Spiele, die ich mitbrachte, manchmal erst im zweiten
Anlauf, wenn mich die Grenzsoldaten beim ersten Versuch mit ihnen erwischten und
zurückwiesen. Oder wir redeten; wir waren beide sechsunddreißig, interessierten uns für
Theater und Kino und waren neugierig auf Menschen und Beziehungen. Manchmal trafen sich
unsere Blicke bei einem Zusammensein mit Freunden, weil eine Bemerkung, ein Wortwechsel
oder ein Austausch von Gesten uns auf gleiche Weise aufmerken ließ.
Paula und ich taten uns schwer miteinander. Sie war zu Sven, Julia und mir ernst und streng,
als missbillige sie den Spaß, den wir an Nichtigkeiten wie einem Turm aus Schachfiguren oder
Seifenblasen hatten. Sie missbilligte auch meine Versuche, sie zu charmieren. Wenn sie
irgend konnte, nahm sie mich nicht zur Kenntnis.
Erst im Sommer 1987, als wir zusammen Urlaub in Bulgarien machten, sagte sie etwas zu
unserem Verhältnis. Dass sie mich anfangs für einen leichtfertigen Menschen gehalten und
dass sie gefürchtet habe, ich würde Svens Vertrauen enttäuschen. „Er hat sich so gefreut, als
ihr euch damals getroffen und verabredet habt, und hatte zugleich solche Angst, dass du nicht
kommst. Das blieb lange so, dass er sich zugleich gefreut und Angst gehabt hat.
Ihr Westdeutschen habt keine Ahnung, was es bedeutet, einen von euch besser und gut
kennenzulernen. Es schließt eine andere Welt auf, geistig und, warum soll ich es nicht sagen,
auch materiell, und man will euch rumzeigen und mit euch angeben und muss euch zugleich
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eifersüchtig hüten. Und immer haben wir Angst, dass der exotische Reiz, den wir für euch
haben, sich abnutzt und verbraucht und ihr euch anderen Dingen und Menschen zuwendet.“
Ich hätte antworten können, dass sie mir eine andere Welt aufschlossen. Nicht eine exotische
Welt von mäßiger Wichtigkeit und kurzlebigem Reiz, sondern die andere Hälfte unserer durch
Mauer und Eisernen Vorhang halbierten Welt. Dank ihrer war ich in ganz Berlin zu Hause, fast
in ganz Deutschland, fast in der ganzen Welt.
nach: Bernhard Schlink „Liebesfluchten“
4.1 Im ersten Abschnitt beschreibt der Erzähler,
A. wo sich die Berliner nach dem Mauerfall verabredeten.
B. wie man nach dem Mauerfall schnell reich werden konnte.
C. wie sich das Bild der Stadt nach dem Mauerfall veränderte.
D. warum viele deutsch-deutsche Freundschaften nach dem Mauerfall zerbrachen.
4.2 Nachdem der Erzähler die Bekanntschaft mit Sven gemacht hatte,
A. vernachlässigte er seine Freunde in Westberlin.
B. fühlte er sich in Berlin nach wie vor nicht heimisch.
C. dachte er darüber nach, aus Westberlin wegzuziehen
D. erschien ihm Ostberlin nicht mehr so trostlos wie zuvor.
4.3 Welche Information steht im Text?
A. Das Schachspielen machte dem Erzähler niemals Spaß.
B. Der Erzähler war nicht imstande, seinem neuen Freund zu vertrauen.
C. Die beiden Freunde verstanden sich in verschiedenen Situationen ohne Worte.
D. Der Erzähler schmuggelte die Geschenke für Svens Familie immer problemlos über
die Grenze.
4.4 Warum verhielt sich Paula anfangs zurückhaltend gegenüber Svens neuem
Freund?
A. Weil sie ihn für einen Angeber hielt.
B. Weil sie kein Vertrauen zu ihm hatte.
C. Weil sie keinen Besuch aus Westberlin wünschte.
D. Weil sie Unannehmlichkeiten für ihre Familie befürchtete.
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Text 2
DIE KRAFT DER FREUNDSCHAFT
Stress, Selbstzweifel, depressive Stimmung? „Dagegen hilft vor allem eines: Freunde“, sagt
Franz Neyer. Seit 30 Jahren erforscht der Psychologe von der Universität Jena das Phänomen
Freundschaften. Echte soziale Unterstützung wie unter Freunden federe jeden Stress ab und
stärke die Abwehrkräfte von Körper und Seele, behauptet Neyer.
Auch eine kanadische Studie bestätigt, dass Freundschaften uns gesund halten. Die
Probanden mit Freunden fühlten sich gesünder als jene ohne Kameraden. Ihr Wohlbefinden
blieb vor allem dann dauerhaft auf einem Hoch, wenn sie ihre Freunde oft persönlich trafen
und nicht nur mit ihnen telefonierten oder im Internet chatteten.
Gemeinsame Unternehmungen wie Kochen, Ausgehen oder einfach nur Quatschen sind echte
Selbstwert-Booster. Das wurde auch von einem deutsch-niederländischen Forscherteam
bestätigt. In einem Online-Tagebuch berichteten 241 deutsche Studenten täglich, ob sie
Freunde getroffen hatten, wie viel Spaß sie dabei hatten und wie persönlich die Begegnung
für sie war. Zugleich sollten sie sich jeden Tag selbst einschätzen und angeben, ob sie sich
für einen wertvollen Menschen halten.
Tatsächlich sahen sich die Teilnehmer der Studie in einem positiveren Licht, wenn sie etwas
mit ihren Freunden unternommen hatten. Jene Probanden, die während der gesamten Laufzeit
der Studie öfter Freunde trafen, hatten insgesamt ein stärkeres Selbstwertgefühl als eher
zurückgezogene Menschen.
Einsamkeit dagegen kann krank machen – auch körperlich. Wie stark der Effekt ist, zeigten
bereits Untersuchungen in den achtziger Jahren: Forschergruppen beobachteten, dass
Menschen mit engen Beziehungen nicht nur länger leben – sie sind unter Umständen auch
besser vor psychischen Erkrankungen geschützt. Der Psychiater Michael Linden, der den
Zusammenhang von psychischen Erkrankungen und dem sozialen Netzwerk von Menschen
erforscht, rät, in Krisenzeiten nicht gleich zum Psychotherapeuten zu eilen, sondern zunächst
das Gespräch mit Freunden oder Familie zu suchen. „Natürlich sind nicht all ihre Ratschläge
hilfreich. Aber manchmal ergeben sich neue Perspektiven, und dann erscheint die Situation
nicht mehr so dramatisch“, sagt Linden.
Das Fazit bringt er auf so auf den Punkt: „Es geht eben nicht darum, viele Freunde zu haben,
sondern gute.“
nach: www.spiegel.de
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4.5 Welcher Satz entspricht einer im Text geäußerten Meinung und keiner Tatsache?
A. Dank Unterstützung von Freunden wird Stress abgebaut.
B. Menschen mit Freunden fühlen sich gesünder als Menschen ohne Freunde.
C. Das Wohlbefinden steht im Zusammenhang mit dem persönlichen Kontakt zu
Freunden.
D. Menschen, die viel mit ihren Freunden unternehmen, haben ein höheres
Selbstwertgefühl.
4.6 Worin bestand das Experiment eines deutsch-niederländischen Teams?
A. Die Probanden sollten ihre Aktivitäten mit Freunden einschränken.
B. Die Probanden sollten möglichst viele neue Freunde kennenlernen.
C. Die Probanden sollten mit ihren Freunden online in Kontakt bleiben.
D. Die Probanden sollten sich selbst und ihre Treffen mit Freunden bewerten.
4.7 Was sagt der Psychiater Michael Linden über die Rolle von Freundschaften?
A. Je tiefer die Krise, desto weniger können die Freunde helfen.
B. In Krisensituationen sollte man zuerst bei Freunden Hilfe suchen.
C. Gute Ratschläge von Freunden können die Psychotherapie unterstützen.
D. Je größer der Freundeskreis in sozialen Medien, desto schneller findet man einen
guten Rat.
ÜBERTRAGEN SIE IHRE LÖSUNGEN IN DEN ANTWORTBOGEN!
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